Interview Sandra Atanassow – Boxerin

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In der Abteilung Service Produktionssysteme des Mitteldeutschen Rundfunks arbeitet Sandra Atanassow als Teamleiterin und betreut als Systemadministratorin die notwendigen Systeme in der Produktionskette von der Anlieferung des Materials bis zur Sendung selbst. Die Diplom Ingenieurin wechselte im April 2015 vom Amateurboxen in den Profi-Boxsport. In ihrer Amateurzeit boxte sie, national und international, über viele Jahre sehr erfolgreich für den Boxring Atlas Leipzig, sie schaffte es sogar in die deutsche Nationalmannschaft.
Ihr Profi-Debüt gewann sie durch TKO. Es folgten zwei weitere Siege im Profi-Lager, zuletzt gelang ihr erneut ein vorzeitiger Sieg durch technischen KO.

„Man weiß nie was einen im Ring erwartet, jeder Kampf ist anders. Man lernt sich irgendwie immer wieder selbst neu kennen…“

Name: Sandra Atanassow
Sportart: Boxen
Facebook-FanpageSandra-Atanassow

Sandra Atanassow mit ihrem Trainer Torsten Müller in der Boxhalle des Boxring Atlas Leipzig (Fotograf: Philipp Kirschner, www.pkfotografie.com)
Sandra Atanassow mit ihrem Trainer Torsten Müller in der Boxhalle des Boxring Atlas Leipzig (Fotograf: Philipp Kirschner, www.pkfotografie.com)

Was muss man mitbringen um Boxen als Leistungssport zu betreiben?
Eine gewisse sportliche Grundausbildung! Ein unsportlicher bzw. untrainierter Mensch kann nicht einfach von einem Tag auf den anderen Leistungssport betreiben. Der Körper muss dahin trainiert und an die tägliche Belastung gewöhnt werden. Von heute auf morgen, täglich oder gar mehrmals am Tag zu trainieren, ist nicht so ohne weiteres möglich. Sicher würde der Körper anfangs die Belastung kompensieren, aber ohne das Bewusstsein im Hinblick auf die Folgen für den Körper bleiben Verletzung, Erkrankungen oder ähnliches nicht aus. Es gibt ein schönes Sprichwort, in dem eine Menge Wahrheit liegt „Sport ist Mord, Leistungssport ist Doppelmord“. Tagtäglich muss der Körper Leistungen erbringen, neben dem Berufs- und Privatleben. Gerade in der speziellen Wettkampfvorbereitung geht man körperlich schon mal ans Limit und verlangt ihm alles ab. Gerade da stehen Gesundheit und Körperpflege an erster Stelle. Prävention heißt das Zauberwort und das kostet sehr viel Zeit und Geld. Vor allem aber muss man lernen auf seinen Körper zu hören… Das alles ist ein Prozess über Jahre!
Leistungssport erfordert viel Disziplin, vor allem in der unmittelbaren Wettkampfvorbereitung. Auch der Verzicht auf bestimmte Dinge sollte nicht unterschätzt werden. Im Allgemeinen bedarf es zudem viel Verständnis im sozialen Umfeld, ob im Privaten oder auf Arbeit. Das Training und alles andere drum herum kosten sehr viel Zeit und Energie. Ich habe dahingehend großes Glück: die Unterstützung seitens meiner Freunde, meines Freundes und meiner Familie, im Bekanntenkreis und auf Arbeit ist großartig. Sie stehen hinter mir und meinem Sport, was mich sehr freut und mich immer wieder anspornt und mir Kraft gibt. Generell ist jegliche persönliche Unterstützung extrem wichtig. Im Hinblick auf den Profi-Boxsport sind mein Trainier Torsten Müller und Michael Siegel von der BadenBoxPromotion sehr wichtige Bezugspersonen.
Das Thema Finanzierung nimmt im Leistungssport auch einen sehr erheblichen Anteil in Anspruch. Gerade jetzt im Profisport muss ich eigentlich alles selbst finanzieren: ob es Fahrtkosten sind, Trainingsmaßnahmen, die medizinische Versorgung, Physiotherapie, Arztuntersuchungen, sämtliche Kosten für die Kämpfe und und und. Ich könnte die Aufzählungen unendlich weiter fortsetzen… .
Ich habe bereits zwei tolle Unterstützer an meiner Seite: die Familie Jungbeck mit ihrem Unternehmen Altenburger Senf & Feinkost GmbH & Co. KG, insbesondere Julia Jungbeck und mein Ausstatter Paffen Sport GmbH & Co. KG, besonders Herrn Oliver Knieps. Die Zusammenarbeit mit beiden ist super.
Für jede weitere Unterstützung oder Hilfe, in welcher Form auch immer, wäre ich sehr dankbar.

Wie bist Du zum Boxen gekommen?
Vor dem Boxsport war ich im Jazz- und Modern-Dance aktiv, auch damals schon im Wettkampfbetrieb. Nach einigen Jahren erfüllte mich der Tanzsport einfach nicht mehr. Ich trainierte dann erstmal nur für mich im Fitnessstudio. Eines Tages, eher zufällig, nahm ich an einem Boxtraining teil. Ich wollte es mir einfach mal angucken… Es für mich total faszinierend. Ich fing an regelmäßig zu trainieren und eines Tages bestritt ich meinen ersten Wettkampf im Rahmen der Deutschen Hochschulmeisterschaften. Ich gewann den Kampf und wurde deutsche Hochschulmeisterin. Danach nahmen die Dinge ihren Lauf… es folgten weitere Titel, die ersten internationalen Siege, 2013 die Einberufung in die Nationalmannschaft und jetzt der Wechsel ins Profi-Lager.
Bis heute begeistert mich vor allem die Vielseitigkeit des Trainings: Kraft, Ausdauer, Schnelligkeit, Reaktionsvermögen, Taktik, Technik und die Tatsache, dass alle Körperteile von Kopf bis Fuß trainiert werden. Ich lebe und liebe den Boxsport einfach.

Sandra Atanassow beim offiziellem Wiegen in ihrem 3. Profi-Kampf in Dessau
Sandra Atanassow beim offiziellem Wiegen in ihrem 3. Profi-Kampf in Dessau

Gibt es ein Vorurteil vom Boxen, welches Du gern widerlegen würdest?
Nicht nur eins… 😉 In erster Linie geht es beim Boxen nicht darum, „sich sinnlos auf die Schnauze zu hauen“. Solche Gedanken hatte ich bei all meinen Kämpfen bisher nicht einmal. Für mich geht es vielmehr um das technisch taktische. Also wie kann ich meinen Gegner clever besiegen und nicht einfach wild drauf losprügeln… das überlas ich gern anderen.
Boxen ist eine sehr anspruchsvolle Sportart. Gerade in Bezug auf die Ausführung der verschiedenen Schlagtechniken. Innerhalb von Sekunden-Bruchteilen muss man in der Lage sein zu reagieren und genau die richtige Muskelgruppe für einen präzisen harten Schlag aktivieren. Hinzu kommen Distanzverhalten, die Schlag-Schnelligkeit, Beinarbeit und die absolute Basis Kondition und Kraftausdauer. Den Kampf oder im Sparring das Ringgeschehen durch technisch sauberes Boxen und taktische Überlegenheit im Griff zu haben, sind für mich sehr wichtige Faktoren und genau darauf kommt es für mich an.
Viele haben in meiner Amateurzeit sehr oft lapidar behauptet: „Ach, Du boxt nur vier Runden…“ Die Leistung wurde oftmals leider nicht geschätzt. Aber das ist bei vielen Sportarten so. Diejenigen die so denken, sollen nur mal versuchen zwei Minuten ihre Arme zur Deckung zu halten, sich dann dabei bewegen und dazu noch gezielt schlagen oder einfach mal 10 Minuten Seilspringen. Viele, die neu in unsere Trainingsgruppe kommen, halten anfangs nicht mal die Erwärmung durch.
Jetzt wo ich im Profiboxsport bin, sind die Reaktionen völlig anders. Sobald nur das Wort Profi-Boxerin fällt, reagieren die Leute mir gegenüber mit sehr großem Respekt. Wer dann dazu noch meine Geschichte kennt, umso mehr.
Ein weiteres großes Vorurteil ist das Thema Frauenboxen. Generell verliert es, zumindest in Deutschland, immer mehr an ansehen. Dabei bieten gerade Frauen ästhetisch schönes Boxen. Sicherlich gibt es auch hier schlechte Kämpfe, aber die gibt es bei den Männern ja auch. Wir Frauen hatten noch nie so richtig goldene Zeiten, aber die Entwicklung geht derzeit leider immer noch weiter zurück. Ganz anderes ist es zum Beispiel in Mexiko oder Argentinien, da werden Boxerinnen, wenn sie aus dem Flugzeug aussteigen mit wehenden Fahnen empfangen. In Mexiko hat Boxen den Stellenwert, wie der Fußball in Europa. Frauenboxen wird dort völlig selbstverständlich im Fernsehen übertragen. Davon können wir in Deutschland nur träumen.

Siehst Du dich als Vorbild für andere Frauen? Bzw. siehst du eine gewisse Verantwortung deine Sportart weiter zu tragen?
Oha, wenn mich jemand als Vorbild sieht, ehrt mich das natürlich sehr. Sicherlich trage ich mit meinem Handeln, meinen Kämpfen und meinem Auftreten einen gewissen Teil dazu bei, das Ansehen des Frauenboxens zu fördern. Der Boxsport ist zu meinem Lebensinhalt geworden und ich repräsentiere meine Sportart sehr gern. Beispielsweise durfte ich in der Vergangenheit zum Thema „Frauen im Sport“ bei einer Veranstaltung im sächsischen Landtag in Dresden die Sportart Boxen vertreten. Oft werde ich auch gefragt, ob ich mal eine Boxtrainings-Einheit geben könnte oder viele meiner Freunde oder Bekannte fragen mich, ob sie mal mit zum Training kommen können. Solch Interesse freut mich natürlich immer sehr und alles was zeitlich für mich machbar ist, mache ich.

Sandra Atanassow in ihrem 3. Profi-Kampf in Dessau (Fotograf: Hartmut Bösener, www.hartmutboesener.com)
Sandra Atanassow in ihrem 3. Profi-Kampf in Dessau (Fotograf: Hartmut Bösener, www.hartmutboesener.com)

Hast Du vor einem Kampf ein bestimmtes Ritual? Welche Person ist dann bei dir?
Na ja, ein Ritual habe ich nicht wirklich. Allerdings habe ich über die Jahre einen sehr stringenten Ablauf im Vorfeld. Wenn ich die Kabine betrete, richte ich mich erstmal ein. Alles muss an seinen Platz, denn wenn später die Nervosität steigt, möchte ich nicht anfangen, irgendwas zu suchen. Irgendwann beginne ich mit der allgemeinen Erwärmung, dann speziell. Wenn ich auf eine bestimmte Taktik eingestellt bin, konzentriere ich mich voll und ganz darauf. Diese spiele ich dann in der Kabine mit meinem Trainier durch.
Generell bin ich vor dem Kampf sehr fokussiert und irgendwann setzt dann auch mein berühmter Tunnelblick ein. Die letzten fünf Minuten mache ich noch mal die Augen zu und atme tief durch, denn kurz darauf kommt der Moment, wo mein Trainer sagt: es geht los. Der Gang zum Ring ist mit Abstand der aufregendste und zugleich einer der schönsten Momente.
Sobald der erste Gong ertönt, vergesse ich alles um mich herum. Ich bin nur auf meine Gegnerin konzentriert und filtere die Kommandos von meinem Trainer aus den Geräuschkulissen.
All die Emotionen und Gefühlswelt an einem Kampftag sind kaum in Worte zu fassen. Ich möchte nicht einen missen. Gerade der Umgang mit der eigenen Aufregung und der Kampfverlauf sind jedes Mal anders. Man weiß nie was einen im Ring erwartet, jeder Kampf ist anders. Man lernt sich irgendwie immer wieder selbst neu kennen und muss sich auch immer wieder mit sich selbst auseinandersetzen. Denn im Ring ist man ganz auf sich alleine gestellt und kämpft.
Eine besondere Rolle, während des Kampfes und auch danach, spielt das Publikum. Nichts ist anspornender und ehrwürdiger, wenn Dich hunderte von Menschen anfeuern und Du hörst wie Freunde, Bekannte und fremde Menschen Deinen Namen rufen. Das Gefühl ist einfach unbeschreiblich.

Sandra Atanassow in der Boxhalle des Boxring Atlas Leipzig (Fotograf: Matthias Fäller)
Sandra Atanassow in der Boxhalle des Boxring Atlas Leipzig (Fotograf: Matthias Fäller)

Wie beeinflusst Deine Boxleidenschaft Dein Arbeitsalltag?

Inzwischen ist aus beiden eine Art Symbiose entstanden. Durch den Sport habe ich immer wieder neue Energie für die Arbeit oder den Alltag. Im Training kann ich komplett abschalten. Danach sehe ich oft Dinge, Probleme oder Ähnliches mit anderen Augen oder einfach mit mehr Abstand und habe neue Lösungsansätze.
Sport im Allgemeinen ist ein perfektes Ventil, um neue Kraft zum Denken zu schöpfen. Genau so ist es andersrum. Ohne meine Arbeit, welche mir Sicherheit gibt und für mich eine Art Konstante darstellt, könnte ich nicht die Energie für das Boxen aufbringen. Meine Arbeit macht mir großen Spaß und meine berufliche Absicherung ist mir sehr wichtig. Ich möchte nicht, dass meine Leistung auf Arbeit unter meinem Sport leidet. Ich bin meinem Arbeitgeber und vor allem meinem Chef sehr dankbar, dass er mir seither immer alles ermöglicht hat und mir nie im Wege stand. Das ist keine Selbstverständlichkeit und genau das weiß ich sehr zu schätzen. Auch meine Arbeitskollegen sind dahingehend sehr verständnisvoll und stehen hinter mir und meinem Sport, was natürlich großartig ist und wofür ich ebenfalls sehr dankbar bin.

 

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